Wie Traumbilder - so täuschen die Sinnendinge.

"Gleichwie etwa, Hausvater, wenn ein Mann ein Traumbild sähe, einen schönen Garten, einen freundlichen Hain, eine heitere Landschaft, einen lichten See und, wieder erwacht, nichts mehr erblickte.

Ebenso nun auch, Hausvater, meditiert der Heilsgänger, indem er still und aufmerksam bei sich bedenkt: `Traumbildern gleich sind die Sinnendinge`, hat der Erhabene gesagt, `voller Leiden, voller Enttäuschung, das Elend überwiegt!`"

Traumbilder kommen und gehen, verursacht durch die inneren Wünsche und Vorstellungen. Sie gaukeln eine reale Welt vor, aber wieder erwacht, erfährt der Schläfer: es war nur ein Traum, eine Täuschung. So auch malen die Begierden den Wesen eine schöne, angenehme Welt, die es anzustreben, zu erringen gilt - Hoffnungsfreude und Jugendglück - aber am Ende des Lebens erscheinen all die vielen Erlebnisse im Rückblick wie unrealistische Träume, in denen man etwas besessen zu haben wähnte. Dies haben die Erwachten durchschaut. Und weil alle Wesen auf Wohl aus sind und die Erwachten erkennen, dass manche Wesen die Erklärungen eines Erwachten fassen können, deswegen zeigen sie die Wege zu besserem, unvergänglichem Wohl. Sich dieses Wohl vor Augen zu führen, ist hilfreich, denn damit bekommt man einen größeren Maßstab, und dadurch erkennt man die Erbärmlichkeit dessen, womit wir uns jetzt zufrieden geben, und von daher kommt es, dass der einsichtige Mensch aufbricht zu Größerem.

Der abendländische Mensch steht oder stand mehr oder weniger unter dem zweitausendjährigen Einfluss einer Glaubenslehre, eben der christlichen. Er kennt hinsichtlich des Religiösen eine Entscheidung nur zwischen Glauben und Nichtglauben; er kennt nicht die Möglichkeit, auch im Religiösen sich auf Erkenntnis und Wissen zu gründen.

Glauben heißt ja doch, eine Idee anzunehmen und zu übernehmen, ohne deren realen Hintergrund gesehen bzw. erkannt zu haben. Man hat eine Idee ergriffen oder ist von ihr ergriffen worden, man nimmt sie gläubig an und zweifelt nicht, sondern ist fest überzeugt, dass diese Idee richtig sei, aber man weiss es nicht, weil man es nicht erkennt. Zwar kann der Gläubige ebenso fest und sicher in seinem Glauben sein wie der Wissende in seiner Erkenntnis, aber dennoch ist Glauben nicht erkennen, denn Glauben heißt ja gerade: nicht sehen, nicht erkennen. Wo gesehen und erkannt wird, da ist nicht Glauben, sondern Wissen.

Um erkannt zu werden, muss etwas vorhanden sein; um geglaubt zu werden, braucht es nicht vorhanden zu sein. Darum kann an Richtiges und Falsches geglaubt werden, während Realität, also wirklich Vorhandenes, erkannt werden kann. Man kann nicht etwas erkennen, das nicht da ist; an dergleichen kann man aber glauben. Diese Unterscheidung ist wichtig.

Darum können die von den verschiedenen Religionen aufgestellten Dogmen, an die geglaubt werden soll, unterschiedlich sein. Wenn wir diese Dogmen miteinander vergleichen, dann sehen wir, dass sie nicht nur variierte Ausdrucksformen gleicher Ideen und Grundgedanken sind, sondern dass sie einander häufig widersprechen, in vielen Punkten entgegengesetzt sind und sich also gegenseitig ausschließen. Dennoch glaubt jede Religionsgemeinschaft mehr oder weniger fest an ihre Dogmen und richtet nach ihnen ihr Tun und Lassen im Leben. Unabhängig aber von allen Glaubensvorstellungen besteht, unbeeinflussbar durch Menschenmeinung, die Wirklichkeit. Der beobachtende und denkende Mensch erkennt immer deutlicher, dass alle Entwicklung jenseits von Meinungen und Auffassungen vor sich geht nach unbeugsamen und unerbittlichen Gesetzen, und er strebt nach Erkenntnis dieser kosmischen Gesetzmäßigkeit, weil er sich von ihr abhängig sieht. Darum fragt er nach dem Wesen der Wirklichkeit, darum will er die Realität erkennen. Und da Erkennen eben das Begreifen, das Erfassen der Wirklichkeit ist, so muss vollkommene Erkenntnis in die reine Wirklichkeit einmünden, und darum gibt es bei vollkommener Erkenntnis keinen Widerspruch, sondern nur Übereinstimmung und Ergänzung. Auch der Gläubige will sein gegenwärtiges Gebundensein und sein Unwissen überwinden und zur Wahrheit durchstoßen. Er glaubt aber nicht - oder bezweifelt es doch mindestens - dass er die Wahrheit durch Erkenntnis gewinnen könne, und darum greift er zu, wenn ihm von anderer Seite fertige Bilder und Begriffe als jene gesuchte Wahrheit angereicht werden. Solche Bilder stellen die Dogmen der Glaubensreligionen dar.

Es ist nicht leicht, aus dem allgemeinen, menschlichen, auf die sinnenhafte Welt gerichtete Dichten und Trachten und aus gewöhnlicher Lebensweise zu jenem klaren und nüchternen Erkennen hinter der Erscheinung still wirkenden Kraft, also zur Erkenntnis der Ursache-Wirkung-Folge, zur Erkenntnis des Zusammenhangs zu kommen - die Erscheinungswelt, die sich unseren Sinnen darbietet, nimmt uns sehr gefangen. Wenn wir sie einmal gedanklich verlassen, dann umgibt uns Dunkelheit, und unsere Geduld reicht nicht aus, um zu warten, bis unser Blick sich gewöhnt hat und "in jenem Nichts das All findet", wie Faust es Mephisto entgegnen konnte. Die meisten Menschen sind angesichts jener zunächst auftauchenden Leere erschrocken und ziehen sich gleich wieder in die sinnenhafte Welt zurück: Fernsehen, Zeitunglesen, Internet, Politik und Theater sind liebe Gewohnheiten, unentbehrliche Lebensbestandteile geworden. So bleibt man lieber in der gewohnten Welt, obwohl man feststellt und spürt, dass diese Erscheinungswelt nicht das Ganze ist, dass die Kräfte, die Ursache für alle Erscheinungen, irgendwo außerhalb liegen müssen, denn mit dieser Feststellung ist die Möglichkeit selbstständiger menschlicher Erkenntnis erschöpft. Wie diese Ursache aller gegenwärtigen Erscheinungen ist und wie die Auswirkungen unseres gegenwärtigen Tuns sein werden - darüber besteht keine Erkenntnis. Diese Frage steht offen, bzw. wird als offen stehend empfunden, und daher rührt das Bedürfnis des denkenden Menschen, sie zu lösen. Diesem Bedürfnis kommen die Glaubensreligionen entgegen. Sie bieten für die Ursachenseite und für die Wirkensseite Namen und Bilder an: Gott, Jahwe, Allah, Brahma und andere sind Namen und Bilder für die Ursache aller Erscheinungen. "Gott hat alles geschaffen". Und Himmel und Hölle, Fegefeuer und Daseinskreislauf und anderes sind bebilderte Antworten auf die Frage nach dem Wohin des Menschen, zeigen die Auswirkungen des Wirkens...

Es kann ... nur eine umfassende Erkenntnis über das Leben und seine Beschaffenheit geben, aber es kann zugleich eine große Anzahl unterschiedlicher Glaubenslehren über das Leben als Ganzes und seine Beschaffenheit geben. Da das Wissen auf der Erkenntnis der Wirklichkeit fußt, ist es unwiderstehlich... wenn man eine Sache erkannt hat, kann man sich ihr nicht mehr verschließen, denn man weiß nun: so ist es. Wenn man weiß, dass einen das Feuer verbrennt, dann kommt man ihm nicht mehr zu nahe. Erkenntnis kann darum nicht nur, sondern sie muss den Menschen wandeln, sofern sie eben Erkenntnis ist, Wissen von der Wirklichkeit. (Paul Debes in "Wissen und Wandel")

Fritz Schäfer schreibt im Vorwort seines Buches Realität nach der Lehre des Buddha:

Der Leitspruch aus der alten Verssammlung Dhammapada

Wen Unreales dünkt real,

Reales aber unreal,

kommt niemals zur Realität,

hat das Gemüt falsch eingestellt.

Wer echt Realität erkennt,

und unreal als unreal,

der kommt an die Realität,

hat das Gemüt recht eingestellt.

besagt:

"Solange der Mensch nicht vom Erwachten über die Realität aufgeklärt ist, hat er das Gemüt falsch eingestellt. Diese falsche, die Realität versperrende Einstellung ist dadurch entstanden, dass der unaufgeklärte Mensch es immer wieder als selbstverständlich annimmt, der Bewusstseinsablauf (vinnana), in welchem das Erleben "Ich in der Welt" abläuft und das daraus folgende, als Erleben wieder zurückkehrende Wirken (kamma), komme nicht von den inneren Vorgängen, die der Mensch bei gründlicher Achtsamkeit bei sich selber beobachten könnte, sondern komme von außen, aus einem "objektiven Sein", einem "Sein an sich", außerhalb des Erlebens. Diese falsche Anschauung bildet sich aus dem gewohnten Denkmuster: "Hier bin ich und dort ist die (materielle oder geistige oder göttliche) Welt. Durch dieses ständig wiederholte falsche Denken wird die fast unwiderstehliche Neigung am Brennen gehalten, es ohne Nachdenken für ganz selbstverständlich zu halten, dass Erleben/Wahrnehmen selber keine Realität sei, sondern nur Verkörperung (kaya) und Darstellung einer dahinterstehenden "eigentlichen" Realität. Diese eigentliche Realität sei ein "objektiv", "an sich" bestehendes "Sein" (sat) außerhalb von Erleben/Wahrnehmen. Damit wäre es prinzipiell dem Erkennen und damit dem gezielten Gestalten verschlossen. Das nimmt der Weltgänger als selbstverständlich hin. Dieses "Sein an sich", so meint er, bestehe unabhängig davon, ob es jemand erleben oder beobachten kann oder nicht, geschweige denn, ob es jemand tatsächlich erlebt und beobachtet."

Von einem Kalenderblatt des Buddhistischen Seminares habe ich folgendes Zitat von Kalu Rinpoche: "Wenn hundert Menschen schlafen und träumen, erlebt jeder von ihnen im Traum eine andere Welt. Von jedem Traum kann man sagen, er sei wahr; es wäre jedoch falsch, behaupten zu wollen, dass nur der Traum eines Einzelnen Wirklichkeit wäre und alle anderen Trugschlüsse. Jeder Wahrnehmende erlebt seine eigene Realität entsprechend der Triebe, die seine Wahrnehmung bestimmten."

Von dem Physiker Fritjof Capra stammen folgende bemerkenswerte Sätze: "In der modernen Physik kann der Wissenschaftler nicht mehr als distanzierter Beobachter auftreten, sondern findet sich in die Welt, die er "beobachtet", zutiefst verstrickt. John Wheeler betrachtet dieses Beteiligtsein des Beobachters als den wichtigsten Zug der Quantentheorie und schlägt vor, das Wort "Beobachter" durch das Wort "Teilnehmer" zu ersetzen."

Paul Debes schreibt ausführlich in Wissen und Wandel:

"Der moderne westliche Mensch steht unter dem Eindruck, dass die heutige Menschheit kurz nach der Vollendung des zweiten Jahrtausends - gezählt seit "Christi Geburt" - stehe, aber er glaubt auch zu wissen, dass diese zweitausend  Jahre nur eine Sekunde, ja ein Nichts seien gegenüber der Zeit, die die Menschheit dieser Erde insgesamt schon durchwandert habe. Und manche glauben zu wissen, dass die heutige Menschheit das Ergebnis sei einer langen, langen Entwicklung aus unscheinbaren Vorformen.

Aber über sich selber, über seine eigene jetzt lebende Person hat der moderne Mensch die Auffassung, dass er innerhalb dieses unermesslichen , menschheitlichen Kommens und Gehens ein zufälliges, durch die Paarung seiner Eltern entstandenes kurzlebiges Wesen sei und dass er darum aus diesem Leben so viel an Wohl und Freude wie möglich machen wolle, da er nach fünfzig oder sechzig Jahren oder wenn es hoch kommt, nach achtzig bis hundert Jahren, wieder verschwinden werde wie nie dagewesen - ein zufälliges, sinnloses Dasein.

Die westliche naturwissenschaftliche Forschung ging bis vor einigen Jahrzehnten von der dem sinnlichen Eindruck entsprechenden Auffassung aus, dass die Materie eine "Substanz" sei, und so wurde in den letzten Jahrhunderten das physikalische Weltbild, das materialistisch und mechanistisch ist, entwickelt, d.h. es herrschte die Grundauffassung, dass die Welt, der Kosmos mit den ungezählten Gestirnen in seiner unübersehbaren Ausdehnung aus "Materie" besteht und in seinen Bewegungen wie eine große Maschine funktioniert. In der so aufgefassten und verstandenen Welt hätten sich dann auf unserem Planeten Erde aus einer Art "Ursuppe" durch "Selbstorganisation der Materie" die primitivsten Lebewesen gebildet, die dann bald einige Fortpflanzungs- und Anpassungsfunktionen entwickelt hätten und so fort bis zu dem Menschen, dem aufrecht gehenden Tier als der bisher höchsten Stufe der Entwicklungsreihe.

Nach dieser Theorie wäre also aus toter Materie zuerst "Leben" und dann gar Bewusstsein als Nebenprodukt hervorgegangen. Danach bestünden alle Wesen immer nur so lange, wie ihr Körper besteht und funktioniert. Und wenn seine Funktionen aufhören, dann müssten Leben und Bewusstsein einschlafen, und das Wesen wäre vernichtet wie nie gewesen.

Doch um die vorletzte Jahrhundertwende änderte sich die Situation durch die umstürzende Entdeckung der Physiker von der wahren Beschaffenheit der "Materie". Von diesen neuen Erkenntnissen sagten sowohl Werner Heisenberg wie auch Albert Einstein, dass damit der Naturforschung "der Boden unter den Füßen fortgezogen" sei. Wenn auch zunächst nur ein kleiner Kreis naturwissenschaftlich orientierter Menschen von dieser Wende Kenntnis nahm, so hat sich inzwischen die Einsicht, dass unter dem Begriff "Materie" ein völlig anderer Zustand verstanden werden muss, als unsere sinnliche Wahrnehmung uns suggeriert, als unangreifbar erwiesen; aber wegen der großen Befremdung, die eine solche Entdeckung auslöst, kommt sie schwer zur allgemeinen Geltung.

Heisenberg stellt fest: "Die kleinsten Einheiten der Materie sind tatsächlich nicht physikalische Objekte im gewohnten Sinne des Wortes: sie sind Formen, Strukturen oder - im Sinne Platons - Ideen."

Mit anderen Worten: Was wir als Umwelt erleben und als Materie deuten, ist unsere eigene Vorstellung. Die Idee, dass wir mit einem materiellen Körper als Grundlage des Lebens in einer materiellen Welt leben, ist ein großer Trug unseres Geistes.

In diesem Sinne sagte schon vor einigen Jahrzehnten der englische Forscher James Jeans: "Heute ist man sich ziemlich einig darüber - und auf der physikalischen Seite der Wissenschaft fast ganz einig -, dass der Wissensstrom auf eine nichtmechanische Wirklichkeit zufließt; das Weltall sieht allmählich mehr wie ein großer Gedanke als wie eine große Maschine aus. - Der Geist erscheint im Reich der Materie nicht mehr als ein zufälliger Eindringling; wir beginnen zu ahnen, dass wir ihn als den Schöpfer und Beherrscher des Reiches der Materie begrüßen sollten."

Und der bekannte amerikanische Physiker John Wheeler sagt: "Der Kosmos ist nichts unabhängig von uns Existierendes."

Diese Aussagen namhafter Physiker besagen: Unsere Wahrnehmung von Gegenständen und von Gegenständlichkeit der Erscheinungen ist bedingt durch unsere geistige Vorstellung von Gegenständlichkeit. Unsere Erwartungshaltung lässt uns dort Gegenständlichkeit erfahren, wo der Physiker, der ursprünglich mit der gleichen Erwartungshaltung der Sinneserfahrung zur gründlichen Untersuchung geschritten war, dennoch nichts von Gegenständlichkeit fand.

Der Erwachte zeigt in der ersten Lehrrede des Majjhima Nikaya, dass "der unbelehrte, gewöhnliche Mensch die Wahrnehmung von Materie für Materie nimmt. Und hat er die Wahrnehmung von Materie für Materie genommen, dann denkt er an 'materielle' Dinge, denkt über 'materielle' Dinge nach, macht sie zur Grundlage seines Lebens, geht von ihnen aus, baut sie aus, denkt 'mein sind sie' und freut sich über sie."

"Der unbelehrte gewöhnliche Mensch" nimmt die Wahrnehmung für ein "Ding". Er denkt an das, was als Wahrnehmung aufgestiegen ist, aber er denkt nicht, dass es Wahrnehmen ist, sondern wähnt, dass es an sich besteht, und spinnt sich nach seinen Wünschen und Vorstellungen - der Pessimistische ein dunkleres, der Optimistische ein helleres Bild. Warum tut er es, fragt der Erwachte und antwortet: "...weil er es nicht durchschaut". Er hat nicht gemerkt, dass Wahrnehmung Wahrnehmung ist. Das ist seine Täuschung.

Alles, was wir von "Welt" wissen, das wissen wir durch Wahrnehmung, Bewusstsein, Erleben. Wir meinen zwar, dass wir es in unser Bewusstsein aufgenommen haben, weil wir es mit den Sinnen von außen aufgelesen haben, aber wir wissen davon erst in dem Augenblick, wo es als Wahrnehmung in das Bewusstsein eintritt, d.h. in den Geist als der Gesamtheit aller Erlebnisse, Vorstellungen und Erinnerungen. Wir könnten eine Welt jenseits der Wahrnehmung nicht fassen, wir leben nur von Wahrnehmung. Die Auffassung, man werde sich einer Sache bewusst, weil sie "da" sei, ist nicht berechtigt, denn mit Wahrnehmung fängt unser Wissen an. Immanuel Kant sagt: "Wir kennen nur Ding als Erscheinung." Fünfzig Jahre vorher sagte Berkeley, ein englischer Philosoph: "Sein ist Wahrgenommenwerden".

Und auch der Wahrnehmer ist nicht das Subjekt der Wahrnehmung, sondern ebenfalls ein Objekt der Wahrnehmung. Die Wahrnehmung, dieser geistige Vorgang, liefert auch den Wahrnehmer: der Mensch, der sich als Wahrnehmer erlebt, erlebt sich in der Wahrnehmung als Wahrnehmer. Die Grundlage von aller Erfahrung, von der Ich-Erfahrung und von der Umwelt-Erfahrung ist Wahrnehmung.

Ein Beispiel dafür haben wir in fast jedem Traum. Während des Traumes haben wir den Eindruck, ein Ich in der und der Situation zu sein, Angenehmes und Unangenehmes zu erleben. Es kann ein geträumtes Ich in einem geträumten Auto gegen einen geträumten Baum fahren, einen geträumten Unfall mit viel Verwicklungen haben. Man wird wach und merkt, dass Auto, Baum, Unfall und das "Ich am Unfallort" geträumt waren, dass alles nur Traumbilder waren. Es bedarf nur kleiner Anstöße, dann bilden sich aus der Psyche Erlebnisse, die den Eindruck erwecken, dass ein Ich einer gegenständlichen Welt gegenüberstünde.

Erst wenn wir die Dimension wechseln durch Erwachen, indem wir von einer "geträumten" Weltdimension in die der wachen Wahrnehmung wechseln, wodurch unsere Wahrnehmung plötzlich verändert wird, da meinen wir, dass die vorherige Wahrnehmungsweise Täuschung gewesen sein muss, die wir eben "Traum" nennen. Und der Mensch, der weit mehr den Dingen zugewandt ist, der nur die Welt der Dinge als seine Welt ansieht und sich damit beschäftigt, schließt daraus, dass der Traum nicht gilt, sondern eine Art Wahn sei. Während der tieferblickende Mensch, der sein ganzes Erleben untersucht und in Frage stellt, erkennt, dass er im Wachsein ganz ebenso wie im Traum durch Wahrnehmung Dinge erlebt, nur durch eine ganz andere Wahrnehmungsart. Es ist falsch zu meinen: "Ich nehme die Dinge wahr, weil sie da sind. Sie sind auch ohne meine Wahrnehmung da, aber jetzt habe ich meine Sinne darauf gerichtet und erkenne sie." Der tiererblickende Mensch, der mit der ganzen Welt nicht so eng verbunden ist, sagt sich: "Es ist die Wahrnehmung, als ob ein Ich durch die Welt ginge. Es ist ein Traum. Der nächtliche Traum ist nur eine kleine Dimension derselben Sache."

Wahrnehmung ist die Substanz unseres Erlebens, die der normale Mensch so wenig merkt, wie der Fisch das Wasser erlebt, das seine Lebensgrundlage ist. Der Fisch kennt sich überhaupt nicht außerhalb des Wassers, hat sich noch nie ohne Wasser erlebt, achtet darum gar nicht auf das Wasser, sondern achtet auf das, was er im Wasser an Erfreulichem und Schrecklichem erlebt. Bei Erfreulichem schwimmt er spontan darauf zu, bei dem Schrecklichen spontan fort. - Auch wir messen ganz ebenso das, was wir sehen und hören, als angenehm und unangenehm wie der Fisch das seinige. - Perspektivenlose, täuschungsfreie Sicht dagegen wäre, wenn wir nicht die Wahrnehmung übersehen wie der Fisch das Wasser, sondern in den Blick nehmen und klar erkennen, dass Wahrnehmung aufkommt von einem Ich in Begegnung mit Angenehm und Unangenehm. Erleber und Erlebtes wird geliefert durch Wahrnehmung."

Wir Menschen im Westen:

Nun haben wir aber große Schwierigkeiten damit, eine solche Sichtweise zu überdenken und uns auch nur anzunähern. Denn unser Weltbild ist geprägt durch die Naturwissenschaft. Dazu schreibt Heinz Reißmüller (Die ursprüngliche Lehre des Buddha und die moderne Naturwissenschaft): "Einen kaum zu unterschätzenden Einfluss auf unsere Auffassung, wie es sich mit unserem Leben und mit der Welt verhält, haben die Medien. Populärwissenschaftliche Berichte in Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk- und Fernsehsendungen gehen fast immer von einer einseitig materialistischen Daseinssicht aus. Geistiges und Seelisches werden als bloße Begleitfunktionen des Körperlichen dargestellt mit den Konsequenzen: a) dass das Leben mit der Geburt (genauer: mit der Vereinigung von Samen- und Eizelle) beginnt und mit dem Tode endet - aus dem Nichts hervorgehend und in das Nichts wieder eingehend; b) dass die jeweilige Genstruktur des Menschen für alle Anlagen einschließlich der geistigen und seelischen Eigenschaften bestimmend ist; c) dass das Bewusstsein in einem bestimmten Teil des zentralen Nervensystems erzeugt wird und mit dem Zerfall der Gehirnzellen erlischt.

Auch diejenigen unter uns, die sich am christlichen Menschbild orientieren, fühlen sich hierdurch zunehmend verunsichert, zumal sie von ihren Kirchen hier völlig im Stich gelassen werden.

Es ist erstaunlich, mit wie wenig Kritik solche Behauptungen aufgenommen und für richtig gehalten werden. Der blinde Glaube, der in früheren Jahrhunderten den Aussagen der Bibel entgegengebracht wurde, scheint sich bei vielen nun auf alles übertragen zu haben, was mit dem Anspruch "naturwissenschaftlich nachgewiesen" der Öffentlichkeit präsentiert wird. Die Wirklichkeit sieht anders aus."

Was heute (2004) tatsächlich Stand der wissenschaftlichen Forschung ist, wird von Reißmüller im Schlusskapitel seines Buches erörtert.

Weiter: "Unser Blick auf die Dinge, wie sie sind, wird aber nicht nur durch mentale Schranken, Voreingenommenheiten und Fehlurteile geistiger Art getrübt, sondern in ganz starkem Umfang auch durch eine aus den tieferen Schichten unseres Wesens kommende Befangenheit, die unsere Aufmerksamkeit auf die vordergründig angenehmen und unangenehmen Dinge richtet... diese Beeinträchtigung klaren Erkennens durch einen Schwall blinder Gefühle nennt der Buddha "Rausch" und erwähnt - je nach dem Inhalt - drei Hauptarten: Jugendrausch, Lebensrausch, Gesundheitsrausch. Wir brauchen hier nicht viel zu erklären. Mehr oder weniger sind oder waren wir auch von einem dieser Räusche umfangen. Ihre Wirkung lässt sich bei Jugendlichen besonders leicht beobachten. Denn vor ihnen scheint sich ein fast endloses Leben zu erstrecken mit unbegrenzten Möglichkeiten für Spaß, Zerstreuung und Unterhaltung. Kein Grund also, sich durch trübe Gedanken in der Vorfreude darauf stören zu lassen und kein Grund auch, sich mit religiösen Fragen zu beschäftigen."

Als Gegenmittel für dies Trübungen des Urteils- und Erkenntnisvermögens empfiehlt der Buddha, sich öfter folgende Tatsachen vor Augen zu halten:

"Dem Altern bin ich unterworfen, kann dem Altern nicht entgehen. Der Krankheit bin ich unterworfen, kann der Krankheit nicht entgehen. Dem Sterben bin ich unterworfen, kann dem Sterben nicht entgehen. Von allem, was mir lieb und teuer ist, muss ich scheiden, muss mich davon trennen. Die Folgen meines Wirkens muss ich tragen, Gutes und Böses hinnehmen."

Technischer Fortschritt und ein aus der christlichen Lehre abgeleitetes Auserwähltheitsbewusstsein haben bei uns Abwehrhaltungen aufgebaut, welche die unvoreingenommene Übernahme aus anderen Kulturbereichen sehr erschweren. Man ist überzeugt davon, dass die durch die technischen Erfindungen ermöglichten Erleichterungen des täglichen Lebens (sehr neueren Datums übrigens: noch vor 150 Jahren waren Hungersnöte und Seuchen in Europa wiederkehrende Erscheinungen; Lebensverhältnisse und Lebenserwartung der Landbevölkerung, zu der über 90 Prozent der Menschen zählten, unterschieden sich kaum von denen, die wir heute aus Asien und Afrika kennen) auch ein Zeichen für die geistige Überlegenheit des Westens sind. Daher ist man nur das vom Osten anzunehmen bereit, was sich in die üblichen westlichen Vorstellungen einfügt. Was ihnen entgegensteht, wird als überholt, rückständig, abergläubisch angesehen. Wenige nur sind bereit, dieses tief sitzende Vorurteil zu erkennen und in Frage zu stellen.

Die Unfähigkeit, gewohnte Standpunkte aufzugeben, offen zu sein für Neues, auch wenn es aus anderen Kulturen stammt (wobei vieles davon, wie die Wiedergeburt der Wesen oder die Bewusstseinsqualität der Existenz, auch im Westen manchen "Großen im Geiste" bekannt war), hat einige Menschen bei uns, die durchaus an der Lehre des Buddha interessiert sind, dazu gebracht, sich aus den Worten des Buddha nur das auszusuchen, was sie mit ihrem gegenwärtigen Weltbild vereinbaren können und alles andere abzulehnen. Sie betrachten die Lehre als eine Art Philosophie, verbunden mit Ratschlägen und Anweisungen, wie diese jetzige Existenz zu gestalten sei.

Sicher führt die Kenntnis und Befolgung der Lehre des Buddha auch zu einer Erleichterung und Erhöhung des augenblicklichen Lebens. Wäre es jedoch nur um eine möglichst angenehme und schmerzlose Weise gegangen, dieses Leben zu fristen, das ja zeitlich eng begrenzt ist, so wäre der Buddha nicht 45 Jahre lang über die beschwerlichen Wege Nordindiens gezogen, um den Menschen seine Lehre zu bringen, sondern hätte sein Leben auf geruhsamere Weise, in beschaulicher Versenkung, zu Ende gebracht. Es ging um etwas viel Gewaltigeres als um die Beseitigung der - von der Gesamtheit des Daseins aus gesehen - geringfügigen Unzuträglichkeiten der gegenwärtigen Lebensperiode. Der Buddha hatte erkannt: unendlich ist das Leiden, unendlich auch das Leid. Und er zeigte, wie man sich von diesem ungeheuren Leidensdruck befreien kann.